Bienen auf Nikotin

Studien zeigen, wie gefährlich Pestizide für die Tiere sind: Die Honigproduzenten berauschen sich am Gift – und sterben
Von Carola Mensch

Im Dezember 2013 hat die EU den Gebrauch von drei Pflanzenschutzmitteln stark eingeschränkt, um Bienen zu schützen. Ende des Jahres aber wird neu entschieden. Bei allen drei Pestiziden handelt es sich um sogenannte Neonicotinoide. Sie stehen im Verdacht, mitverantwortlich für das Bienensterben in Europa zu sein. Erst kürzlich kam eine Studie des europäischen Verbundes nationaler Wissenschaftsakademien (EASAC) zu dem Schluss, dass die Auswirkungen der Neonicotinoide auf Ökosysteme noch gravierender sind als bisher angenommen.

Landwirte und Hersteller der Insektizide, darunter der deutsche Chemiekonzern Bayer, protestierten gegen das Moratorium. Doch zwei aktuelle Studien, die nun im britischen Wissenschaftsjournal „Nature“ veröffentlicht wurden, untermauern, dass die Stoffe vor allem für Wildbienen schädlich sind. Sie stürzen sich regelrecht auf das Gift – und gehen daran zugrunde.

Die britischen und irischen Forscher der ersten Studie wollten herausfinden, ob Bienen in der Lage sind, die Insektizide im Pollen und im Nektar der Pflanzen zu erkennen. Die Gegner des Verbots hatten argumentiert, dass Bienen die Pflanzenschutzmittel wahrnehmen könnten und die damit behandelten Pflanzen meiden. Die Mundwerkzeuge der Tiere besitzen Nerven, mit denen sie giftige Substanzen in ihrer Nahrung schmecken.

Hummeln lockte giftiges Futter
Die Wissenschaftler boten sowohl Honigbienen als auch Hummeln, die zu den Wildbienen gezählt werden, über einen Zeitraum von 24 Stunden zwei verschiedene Sorten von Zuckerlösung als Futter an. Die eine enthielt eines der drei gängigsten Neonicotinoide: Imidacloprid, Thiamethoxam oder Clothianidin. Die andere Lösung war unbehandelt. Die Pestiziddosis glichen sie der Konzentration im Nektar von Pflanzen in freier Natur an.

Das Ergebnis: Beide Bienenarten waren nicht in der Lage, das Gift zu schmecken. Im Gegenteil – sie fraßen sogar bevorzugt die Zuckerlösung, die Neonicotinoide enthielt. Besonders die Hummeln ließen sich von dem giftigen Futter anlocken. Sie fraßen bis zu zehn Mal mehr insektizidbelastete Zuckerlösung als die Honigbienen. Und das, obwohl sie durch die zunehmende Vergiftung insgesamt weniger Nahrung zu sich nahmen als bei einem unbelasteten Futterangebot.

„Wir vermuten, dass die Neonicotinoide auf das Gehirn der Bienen einen ähnlichen Effekt haben wie Nikotin beim Menschen“, sagt Geraldine Wright, die Leiterin der Studie von der Universität in Newcastle. „Die Bienen empfinden es als befriedigend und belohnend, die Zuckerlösung mit dem Gift zu fressen“, erklärt Wright. Deshalb würden sie sich den Weg zu der Futterschale mit der verunreinigten Zuckerlösung merken und das unbelastete Futter links liegen lassen.

Schwedische Wissenschaftler testeten in der zweiten Studie, wie sich die Bevölkerungsstärke verschiedener Bienenarten entwickelt, wenn sie in Rapsfeldern auf Nahrungssuche gehen, die mit Neonicotinoiden behandelt worden sind. Die Forscher verwendeten bei der Studie das Insektizid Elado von Bayer. Die Samen der Rapspflanzen werden vor dem Aussäen mit dem Mittel gebeizt. Wenn die Pflanzen heranwachsen, verteilt sich das Insektizid gleichmäßig im Gewebe und landet auch im Pollen und im Nektar.

Die Wissenschaftler verglichen in ihrer Studie acht Testfelder, auf denen der Raps nur mit einem Fungizid behandelt worden war, mit acht weiteren Feldern, auf denen der Raps sowohl mit einem Fungizid als auch mit Elado behandelt worden war. Die Forscher interessierte vor allem, wie viele Honigbienen, Hummeln und Solitärbienen in den Gebieten auf Nahrungssuche gingen. Solitärbienen sind Wildbienen, die nicht in Völkern, sondern als Einzelgänger leben.

In den mit Insektizid behandelten Testfeldern nahm die Dichte der Wildbienen in rund 30 bis 40 Tagen messbar ab. Sowohl die Hummeln als auch die Solitärbienen hatten weniger Brut als die Wildbienen, die sich von dem unbehandelten Raps ernährten. Bei den Honigbienen zeigte sich kein signifikanter Einfluss auf die Stärke ihrer Völker.

Die Forscher schlossen daraus, dass sich Neonicotinoide vor allem auf Wildbienen schädlich auswirken. „Wichtig ist die Erkenntnis, dass die Gifte einen unterschiedlichen Effekt auf verschiedene Bienenarten haben“, sagt Studienleiterin Maj Rundlöf von der Universität in Lund. Honigbienen werden bei der Forschung an Insektiziden meist als Modellorganismus verwendet. „Damit lassen sich aber nicht zwangsläufig Vorhersagen für andere Arten treffen“, betont Rundlöf.

Dass Honigbienen zunächst besser mit dem vergifteten Futter umgehen können, erklärt die Wissenschaftlerin damit, dass die Völker der Honigbienen sehr viel größer seien und somit Verluste besser kompensieren können. „Honigbienen scheinen sich auch besser entgiften zu können als Wildbienen“, erklärt Rundlöf. Negative Langzeiteffekte der Insektizide für Honigbienen seien trotzdem nicht ausgeschlossen. Francis Ratnieks, Bienenexperte an der Universität in Sussex, warnt davor, nur anhand der neuen Studienergebnisse Aussagen treffen zu wollen. „Es gibt sehr viele Studien zu diesem Thema, und wir müssen uns alle Daten anschauen“, sagt er.

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