Bienensterben in Deutschland

Imker ohne Volk
15. April 2010 09:32 – Süddeutsche Zeitung

Selten starben so viele Bienen wie in diesem Winter. Forscher schätzen den Verlust auf bis zu 200.000 Völker. Schuld ist allerdings nicht das Wetter.
Von Martin Kotynek

Als Manfred Hederer erstmals nach dem langen Winter in seinen Bienenstöcken nach dem Rechten sah, bot sich ihm ein grausames Bild. „In vielen Stöcken bewegte sich nichts mehr, alle Bienen waren tot, der Boden war mit Leichen übersät“, sagt der Präsident der deutschen Berufsimker. Zwanzig Prozent seiner Bienenvölker hat Hederer in diesem Jahr rund um den Ammersee verloren. Und damit ist er nicht alleine – aus ganz Deutschland melden Imker solche Zahlen. Landesweit hat beinahe jeder vierte Bienenstock den Winter nicht überstanden, Bienenforscher schätzen den Verlust auf bis zu 200.000 Völker. Damit sind in diesem Jahr mehr als doppelt so viele Honigbienen gestorben wie sonst im Winter üblich, wie aus drei Umfragen der Ruhr-Universität Bochum und vier weiteren staatlichen Forschungsinstituten hervorgeht. Ende April werden die Zahlen in der Allgemeinen Deutschen Imkerzeitung veröffentlicht. Von den 3600 befragten Imkern mit etwa 60.000 Völkern berichteten vor allem jene aus Süddeutschland von hohen Verlusten. Besonders in der Landwirtschaft werden die Bienen als Bestäuber gebraucht – nach Rind und Schwein ist die Honigbiene das drittwichtigste Nutztier.

Bleibt sie aus, sinken die Erträge von Ackerpflanzen. Auch andere Tiere, wie etwa Vögel, sind auf Bienen angewiesen. Nur, wenn Pflanzen bestäubt werden, gibt es genug Samen und Beeren, von denen sich Vögel ernähren können. Mit dem großen Sterben setzt sich ein Trend fort, der schon in den vergangenen Jahren für viele Imker das Aus bedeutet hat. Alle drei bis fünf Jahre haben die Bienenzüchter mit hohen Verlusten zu kämpfen – in diesem Jahr waren sie jedoch besonders groß. „Die Problemjahre werden häufiger, und es sind größere Flächen betroffen“, sagt Peter Rosenkranz, der die Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim leitet. „Hinzu kommt, dass die Völker, die überleben, schwächer sind als normal.“

„Auf dem Land leiden die Bienen Hunger“
Schuld an dem Bienensterben ist nach Ansicht von Biologen nicht der harte Winter – an kalte Temperaturen sind die Insekten gut angepasst. Es war vielmehr die Varroa-Milbe, die das Blut der Insekten saugt und Krankheiten überträgt. Weil der Frühling im vergangenen Jahr schon früh begann, konnte sich der Parasit gut vermehren.

Die üblichen Strategien, mit denen Imker die Milben sonst bekämpfen, haben so nicht ausgereicht. Die Parasiten greifen die Bienen vor allem dann an, wenn sie sich auf den Winter vorbereiten müssen – viele Völker haben das nicht überlebt. Neben Pflanzenschutzmitteln, die den Bienen schaden können, machen sich Imker auch über die immer intensivere Landwirtschaft Sorgen. „Auf dem Land leiden die Bienen Hunger, manche Völker sterben mitten im Sommer“, sagt Imker-Präsident Hederer.
Auf den Feldern gedeihen oft nur noch Monokulturen, sind sie geerntet, finden die Bienen keinen Nektar und keine Pollen mehr. Blühende Wegesränder fallen der Unkrautvernichtung zum Opfer, und viele Bauern mähen ihre Wiesen, bevor die Pflanzen blühen konnten. Schon heute gebe es Landstriche, die bienenfrei seien, sagt Hederer.

Verarmt die Landschaft weiter, befürchten Biologen, dass es den Bienen auf dem Land bald schlechter geht als jenen in der Stadt – in Parks und auf Friedhöfen finden Stadtbienen stets ein reiches Nahrungsangebot.