Gedanken, die man sich machen müsste

Die Entwicklung der Imker und ihrer Bienenvölker anders gesehen
Wir sind auf dem richtigen Weg, sagen die Entscheidungsträger für die Beurteilung der Bestäubersituation in ländlichen Regionen. Sie meinen es sicherlich auch gut. Doch das reicht nicht.

Es kommen Zweifel auf. Keine Blume ist zu sehen auf den landwirtschaftlich bearbeiteten Flächen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und in Butjadingen/Niedersachsen. Wird denn genug getan für die Imker in diesen Regionen? Der D.I.B. sagt ja. Man sei in ständigem Kontakt mit den landwirtschaftlichen Verbänden und mit der Politik. Es sei eben ein guter Weg.

Die vom D.I.B. ins Netz gestellten Diagramme signalisieren auch das Recht auf diese Zuversicht. Imker- und Bienenbestände haben sich danach seit 2007 bis heute kontinuierlich „erholt“.

anzahl_bienenvoelkerAnzahl der Bienenvölker

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Sieht man die Entwicklung in der deutschen Hauptstadt – Hier hat es in den letzten 5 Jahren eine Verdoppelung der Mitgliedszahlen der im D.I.B.- Organisierten gegeben, dann wäre das mehr als glaubhaft. Warum aber klagen die Imker außerhalb der Städte über eine geringe Honigente? Warum kommen die Imker aus den ländlichen Regionen vermehrt als Wanderimker in die Städte? Warum klagen Obst- und Gemüselandwirte über geringe Bestäubungsleistungen und damit über eine geringere Wirtschaftlichkeit? In Berlin sind zur Zeit rd. 1.200 Imker beim Deutschen Imkerbund e.V. registriert. Ebenso viele kommen im Sommer in diese Stadt. Diese Imker kommen mit ihren Bienenvölkern nicht, weil ihnen die Stadt so gut gefällt. Sie kommen, weil die Nahrungsgrundlage für ihre Bienen fehlt. Es lohnt sich ein Weg von 500 km und mehr. Das kann man nicht gut finden.

Also bettelt ein neugieriger Mensch, wie dieser Verfasser um Zahlenmaterial. Wie ist die Imker- und Bienenvolkentwicklung regional zu beurteilen? Doch da gibt es keine detaillierten Erhebungen für den gesamten deutschen Bereich. Da gibt es also de facto überhaupt keine Basis für all die Diskussionen, die Runden Tische, die Arbeitskreise. Da ist man eben immer nur auf dem guten Weg und legt blühende Ackerrandstreifen an. Es sind nicht viele; und man merkt nicht, dass das nichts aber auch gar nichts nützt. Der Wille ist zu spüren und auch auf den Seiten des BMEL nachzulesen. Walter Haefeker als Vertreter der Erwerbsimker mahnt schon 2005: Imkerei – ein vergessener Teil der Landwirtschaft?

Der D.I.B. hat auf seiner Internetseite eine weitere Graphik von Deutschland, auf der man die Bestände der Verbände bzw. Vereine von Nord nach Süd ablesen kann. Doch, was kann man daraus eigentlich noch ablesen oder gar schließen? Nichts!

verbund_landesverbaende_2015_634_897_2

Will man nun die Zahlen der Landesverbände bzw. –vereine den Landesgrenzen der Bundesländer zuordnen, dann geht das nicht. Es gibt aber auch keine Angaben für die den Verbänden bzw. Vereinen zuzuordnenden Flächen.
Wie also will man beurteilen, ob es ein Defizit für die Honigbienen in den ländlichen Regionen gibt. Wo ist eine Region ausreichend mit Bestäubern versorgt? Nein, detailliertes Zahlenmaterial gibt es nicht. Das lässt schon der Datenschutz nicht zu, wird gesagt. Doch genau das stimmt nicht. Alle angesprochenen Verbände sind sehr auskunftswillig. Sie wissen um das Problem von Stadt und Land der Imker.

So soll auf diesem Wege versucht werden, einen Weg zu finden, das Dilemma der Bestäuberunterversorgung sichtbar zu machen. Es wird versucht, die Verbände und Vereine den Landesgrenzen zuzuordnen. Das gelingt wohl ganz gut. Denn ein Vergleich der Zahlen ergibt eine Fehlerquote von 0,13%. Wer kann das schon von seinen statistischen Daten behaupten. Insofern wird dies wohl keine „Nullnummer“ werden. Es sind Einschränkungen bei der Auswertung zu berücksichtigen, weil Städte wie Hamburg und Berlin wohl ziemlich identisch sind hinsichtlich der Imker/Bieneneinzugsbereiche mit den Landesflächen. Bei der Beurteilung von Köln und vor allem München aber wird das Umland stark einbezogen. Daher wurde für München nicht die reine Stadtfläche von 311km² angenommen, sondern ein Einzugsbereich von 1.000 km². Es standen leider keine vergleichbaren Angaben von Köln und München für das Jahr 2001 zur Verfügung. Hier mussten die Zahlen von 2011 bzw. 2010 eingesetzt werden. Und dennoch ist wohl aus all diesen Zahlen eine brauchbare Liste hervorgegangen. Sie gehorcht den Nord/Süd-Angaben aus der Deutschlandkarte des Deutschen Imkerbundes e.V., der Karte mit dem so wichtigen Honigglas, das sich leider nicht mit einem Klick entfernen lässt. Zwei fast gleiche Übersichten sind aus den Recherchen hervorgegangen.

Die Werte für die Verbände der Zeilen 8, 12 und 14 sind dabei berücksichtigt, werden jedoch bei dem Versuch, die Landesgrenzen mit den Verbandsgrenzen in Deckung zu bringen, entsprechend den Hinweisen des D.I.B. verschoben.

landesverbaende_dib_2016_2026_3

Die Gesamtübersicht mit allen übermittelten Zahlen und den wie vor besprochenen Berücksichtigungen zeigt hinsichtlich der Durchschnittwerte eine Zunahme d.h. Verbesserung der Imker- und Bienenvölkerzahlen. Bei allen Betrachtungen sind nach Auskunft des D.I.B. alle im Imkerbund erfassten Imker gewertet, die Neben- (Hobby) und die Haupterwerbsimker. Wobei die Letzteren lediglich einen Anteil von rd. 1% ausmachen. Bezogen auf die jeweiligen Landesflächen zeigt sich hier eine unglaubliche Verbesserung der Zahlenwerte im Bereich der Großstädte. Die in Deutschland besonders dicht besiedelten Gebiete wie das Ruhrgebiet, wo sich stellenweise Stadt an Stadt schmiegt, werden wohl ein ähnliches Bild zeigen. Dies Phänomen wird vornehmlich in den Aktivitäten der Naturschutzverbände liegen, vor allem aber an den unglaublichen Anstrengungen der Aktion „Berlin summmt“ und nunmehr auch „Deutschland summmt“. Wen erreicht eine solche Initiative vor allem? Es werden immer die Städter sein. Man kann aber auch aus einer solchen Aufstellung ablesen, dass die neuen Bundesländer den Einbruch der Wende noch nicht verwunden haben. Man kann aber auch ablesen, dass es vor allem die Länder mit dem größten Agrarpotential sind, die in der Regel die schlechteste Dichte an Imkern und auch an Bienenvölkern haben. Und wenn es keine Bienenvölker gibt, kann man davon ausgehen, dass es auch keine Wildbienen und anderen Bestäuber gibt. Nein, einige wird es immer geben. Bei einem Besuch in Butjadingen aber musste doch festgestellt werden, dass es bereichsweise keine Honigbienen mehr gibt.

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Um diese Beobachtungen aber noch deutlicher zu machen, können die Werte für die deutschen Millionenstädte einmal gelöscht werden. Was sich dann aus den Durchschnittswerten ergibt, spricht eine deutliche Sprache. Die Entwicklung der Imker und deren Völker hat sich im Laufe von 14 Jahren fast nicht verändert. Das lässt nur einen Schluss zu:

Wir sind auf keinem guten und schon gar nicht auf einem erfolgreichen Weg.

Also ist ganz schnell etwas zu ändern und das per Beschluss der obersten Behörden. Ländliche und landwirtschaftlich genutzte Regionen müssen sich einer wiedererstarkten biodiversen Ordnung unterwerfen. Monokulturen, die nicht der Erzeugung von primärer Nahrung dienen, dürfen in dieser Form nicht weitergeführt und schon gar nicht gefördert werden. Eine Baumschutzverordnung, wie es sie z.B. in Berlin gibt, muss bundesweit Gesetz sein. Naturschutzgesetze sind bundeseinheitlich zu befolgen bzw. zu ahnden. Erst dann kann die „Aufforstung“ beginnen.

Um weitreichende Verbesserungen herbeizuführen, sollte man auf bereits Erarbeitetes zurückgreifen. So ist die Dissertation von Christof Bürger schon sehr lesenswert. Die Bedeutung der Landschaftsstruktur für die Bienendiversität und Bestäubung auf unterschiedlichen räumlichen Skalen lautet der Titel. Gut recherchiert, fleißig zitiert wird ein kleiner Bereich (das Untersuchungsgebiet LK Göttingen) systematisch untersucht und wissenschaftlich aufbereitet. 2004 war das. Wäre das nicht ein Ansatz hier einmal etwas weiträumiger zu verfahren?

Das zuständige Bundesministerium möchte da Vieles machen, hat nach deren Meinung auch Vieles in Gang gesetzt. Doch die Starthilfen beschränken sich auf Institutsbildung, Bienenkongress auf Bienenkongress, Zuschüsse, Ratschläge. Doch das sind eher Glaubensbekenntnisse. So sieht der Herr Minister in seiner Rede vom 20.01.2016 das Leben in ländlichen Regionen als attraktiv und vielfältig an. Das sollte ganz schnell in die Tat umgesetzt werden, denn es ist nicht die Regel.

Das Bienensterben kann viele Ursachen haben, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll. Doch es war wenigstens der Anlass, die Öffentlichkeit einmal in Kenntnis zu setzen auf das Dilemma der Vernichtung natürlicher Ressourcen durch die hemdsärmelige Entwicklung einer „zeitgemäßen“ Landwirtschaft; und wir haben alle lange unbekümmert zugesehen. Monokulturen wurden geschaffen, Pestizide eingesetzt, die Blüten sind verschwunden, die Bestäuber haben sich zurückgezogen wie auch die Imker mit ihren Bienenvölkern.

Die Imker würden zurückkehren, wenn sie ihre Bienen nicht mehr nur füttern müssen. Die Wildbienen und die vielen anderen Bestäuber würden wohl zu einem Großteil zurückkehren (Einige gibt es leider schon nicht mehr.), wenn sie außer dem Nahrungsangebot auch wieder Habitate und Wasser finden.
Das kann doch nicht so schwer sein!

Reinhardt Löwe
Imkerverein Berlin-Zehlendorf und Umgebung e.V.
10 / 2016