Gefährdete Völker

Erschienen in der Apothekenrundschau 1. Juni 2015 A

Bienen Ohne sie hätten wir nicht genug zu essen. Doch ihr Bestand ist massiv bedroht.

Auf den Streuobstwiesen in der Gegend von Bad Urach summen unzählige Bienen, sammeln Pollen und Nektar bei Löwenzahn, Klee, Storchenschnabel und Wiesenflockenblume. Auf der Schwäbischen Alb ist die Welt noch in Ordnung. Für Viele andere Gegenden in Deutschland gilt das nicht mehr. „Schauen Sie sich unsere Gärten an: meist nur kurz geschorener Rasen, dazu Steine, alles pflegeleicht“, sagt Dr. Helmut Horn von der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim. „In dieser grünen Wüste finden Bienen nichts.“

Dabei sind wir auf die Insekten mit dem faszinierenden Sozialverhalten angewiesen. Die Biene ist eines der mächtigsten Nutztiere in der Landwirtschaft: Viele Kulturpflanzen müssen von Insekten bestäubt werden, damit sie Früchte tragen. Diese Arbeit erledigen vor allem die Bienenvölker der Imker — jedes besteht aus rund 50 000 Einzelwesen —, den Rest besorgt der Wind. „Eine Arbeitsbiene kann täglich bis zu 3000 Blüten besuchen, ein ganzes Volk bis zu sieben Millionen“. sagt Professor Türgen Tautz vom Biozentrum der Uni Würzburg.

Allein für Deutschland schätzen Wissenschaftler den Wert dieser Leistung auf zwei Milliarden Euro jährlich. Obendrein entwickeln sich die von Insekten besuchten Pflanzen besser und bilden größere und widerstandsfähigere Früchte. „Die Qualität beispielsweise bei Apfel, Gurke und Tomate erhöht sich, die Haltbarkeit ebenso“, erläutert Dr. Peter Rosenkranz, ein Kollege von Horn und Leiter der Landesanstalt für Bienenkunde.

Die emsigen Tiere steigern also deutlich die Erträge. Und nicht zuletzt liefern sie uns köstlichen Honig und duftendes Wachs — genügend Gründe also, um sie zu schützen und ihren Bestand zu sichern.

Doch zahlreiche Veränderungen in den vergangenen 15 bis 20 Jahren setzen den kleinen Lebewesen heftig zu. Wegen der Monokulturen fehlt es den Bienen im Sommer an Nahrung. Pflanzenschutzmittel schwächen ihre Körper, ebenso die zu milden Winter, in denen sich die Varroa-Milbe, ihr wahrscheinlich größter Feind, besonders zahlreich vermehren kann.

Feinde der Bienen: Varroa-Milben

Rund 20 Prozent aller Bienenvölker, so die Schätzungen des Deutschen Imkerbundes, gingen im letzten Winter ein. „Mehr als die Hälfte dieser Verluste kann man der VarroaMilbe zuschreiben“, urteilt Peter Rosenkranz, der am Stadtrand von Tübingen selbst zehn Völker hält. Im Verhältnis zum Menschen wäre dieser blutsaugende Schädling zwei Handteller groß. Doch der Blutverlust gibt nicht den.Ausschlag. „Schlimmer ist, dass dieser zeckenähnliche Parasit Viruskrankheiten überträgt“, erläutert Rosenkranz.

Das geschieht bereits bei der Brut. Bevor die Arbeiterbienen die Zellen schließen, in denen sich die Larven verpuppen, schlüpfen die Mühen hinzu. Sie vermehren sich dort, saugen an den Larven und übertragen Viren. Dann wachsen der Honigbiene beispielsweise verkrüppelte Flügel.

Um die Parasiten zu vernichten, behandeln Imker ihre Völker ab Juli mit Ameisensäure, die im Stock verdunstet. Weil das jedoch nicht hundertprozentig wirkt, müssen sie später weitere Mittel einsetzen — am besten wären biologische.

Genau daran arbeitet Peter Rosenkranz zusammen mit einer Kollegin.

Die beiden haben herausgefunden, dass sich das Milbenmännchen an den Sexualpheromonen des jungen Weibchens orientiert. „Diese Duftstoffe haben wir entschlüsselt und im Übermaß in den Bienenstock geleitet“, erklärt Rosenkranz das Prinzip. Weil dann die Männchen nicht mehr gezielt die jungen Weibchen ansteuern können, versuchen sie, verwirrt durch die Duftsubstanzen, alte Milben zu begatten, und verlieren dabei Zeit. Die Parasiten vermehrten sich deutlich langsamer. Bis das Pheromon-Produkt jedoch Marktreife erlangt, müssen die Wissenschaftler noch einige Probleme lösen.

Fehlende Vielfalt

Neben den Milben setzt den Bienen die intensivierte landwirtschaftliche Produktion zu. Durch Monokulturen geht ihnen die Nahrungsgrundlage verloren: Von zwölf Millionen Hektar Fläche, die den Bauern in Deutschland für den Ackerbau zur Verfügung stehen, wächst auf mehr als zweieinhalb Millionen Mais heran — 60 Prozent davon werden zu Futter verarbeitet. der Rest geht in die Biogasproduktion. „Unsere Ackerbauregionen verkommen zu einer Agrarwüste, und der Mais ist symptomatisch dafür“, sagt der Agrarexperte Florian

Schöne vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Mais, der botanisch zu den Gräsern gehört. besitzt einen sehr schlechten Pollennährwert. „Damit können sich Bienen im Spätsommer keinen ‚Winterspeck‘ anfressen“. erklärt Agrarbiologe Horn. „Das wirkt sich sicherlich auch ungünstig auf die körperliche Verfassung der Bienen aus.“

Raps dagegen, der Anfang bis Mitte Mai blüht, gilt als wichtige Futterquelle. „Danach fehlt jedoch die Sommertracht mit ihren blumenreichen Wiesen“. sagt Helmut Horn.

Noch vor wenigen Jahren bekamen beispielsweise Rinder Heu zu fressen. Heute verfüttert der Bauer meist Silage. Um diese zu erzeugen, mäht er die Wiesen bis zu fünfmal im Jahr, bevor Wildblumen wie Wiesenkerbel und Löwenzahn dort überhaupt zu blühen beginnen. Tragisch für die Bienen —— ganz abgesehen davon, dass die pflanzliche Artenvielfalt verloren geht.

Fataler Pflanzenschutz
Roter Klatschmohn, blaue Kornblumen und violetter Ackersporn, die früher aus den Feldern leuchteten, gelten heute als Unkräuter. Gegen solche Wildpflanzen, Viren, Bakterien, Pilze und Schadinsekten setzen Bauern verschiedene Pflanzenschutzmittel ein. Die unterschiedlichen Pestizid-Cocktails schwächen die Bienen. Erst kürzlich meldete das EU-Wissenschaftsnetzwerk Easac in einer Studie, dass es klare Beweise für die negativen Auswirkungen der Neonicotinoid-lnsektizide, gebe — ein Beizmittel, das Landwirte unter anderem gegen Bodenschädlinge einsetzen.

„Diese unterschiedlichen Wirkstoffe auf Basis von Nervengiften bauen sich nur langsam ab. Sie reichem sich sogar an und schädigen die Bodentiere“, betont Horn. Seit 2013 ist die Zulassung in Deutschland für drei dieser Substanzen zunächst einmal für zwei Iahre ausgesetzt. Im Dezember 2015 wird neu verhandelt. „In Frankreich hat die Nationalversammlung im März dieses Jahres beschlossen, solche Mittel vollständig zu verbieten, weil die Gefahr für die Bienen zu groß sei“, erklärt Florian Schöne.

Neue Hoffnung
„Ohne Imkerei sinken die Erträge in der Landwirtschaft um geschätzte 30 Prozent“, sagt Tautz. Mensch und Biene sind aufeinander angewiesen. Um die Vielfalt auf dem Feld zu erhöhen, fördern Programme der Bundesländer verschiedene Maßnahmen wie Blühstreifen entlang der Äcker. Im Moment bezuschussen die Länder auch den Zwischenfruchtanbau, beispielsweise von Ölrettich und Saatwicke im Sommer. „Der Boden erholt sich und wird durch die Pflanzen gelockert“, sagt Schöne.

Mit wenig Aufwand kann dann auf öffentlichen Plätzen der Gemeinden langweiliges und für Insekten kaum nutzbares Grün nektarreichem Wildwuchs weichen. In Gärten, Parkanlagen, auf Friedhöfen, selbst am Gartenzaun und auf dem Balkon im Blumenkübel könnten Malven, Rosen, Büschelschön oder gelbes Mädchenauge die Bienen zur Einkehr locken. Horn empfiehlt: „Nicht jedes Gänseblümchen ausstechen, jeden Löwenzahn vernichten. Schon eine kleine Tüte Saatgut mit einer Blütenmischung wie ‚Bienenweide‘ oder ‚Schmetterlingsnektar‘ hilft nicht nur Honigbienen, sondern auch Wildbienen und Hummeln.“ Christine Wulfrum

Stadtbienen
Bienen in der Stadt zu halten liegt im Trend. Allein in Berlin gibt es mehr als 500 Hobby»lmker. Wer sich für diese Freizeitbeschäftigung interessiert, sollte einen Imkerkurs absolvieren und sich einen erfahrenen „lmkerpaten“ suchen. „Er kann zuschauen, dabei lernen und sich mit ihm austauschen.
Fragen Sie nach beim Deutschen Imkerbund, beim Verein Melifera oder bei Deutschland summt.

Bienenvolk im Internet
Wer das Leben eines Bienenvolks per Video im Internet mitverfolgen und dazu viel Spannendes und Neues erfahren will, hat unter www.hobos.de Gelegenheit dazu.