Im Namen der Biene

Der Tagesspiegel am 9. Juni 2015

Zum Schutz der Honigbiene hat die EU­-Kommission 2013 Vier Insektengifte verboten. Nun wird sie von allen Seiten belagert — wahlweise um die Entscheidung aufzuheben oder zu verlängern.

VON CHRISTOPHER ZIEDLER

Summ, summ, summ, Bienchen summ herum. Die heile Welt dieses Kinderliedklassikers ist bedroht. Seit einigen Jahren macht der Begriff des „Bienensterbens“ die Runde; jeden Frühling schauen Imker besorgt nach, wie viele ihrer Völker den Winter nicht überlebt haben. Und es wurden immer mehr. Das Wetter hat genauso Einfluss darauf wie Milben- oder Virenbefall oder die Schädigung durch chemische Pflanzenschutzmittel — der große Streit geht darum, in welchem Ausmaß welcher Faktor verantwortlich ist.

Im Mai 2013 hat die EU—Kommission gehandelt Die Brüsseler Behörde schränkte den Einsatz dreier Pestizide ein, nachdem es unter den Mitgliedsstaaten weder eine ausreichende Mehrheit dafiir noch dagegen gegeben hattel Zwei der betroffenen Neonikotinoide werden vom deutschen Chemieriesen Bayer hergestellt, das dritte vom Schweizer Konzern Syngentat Im August 20l3 folgte ein Verbot des Wirkstoffs Fipronil aus dem Hause BASF – ebenfalls zum Dezember 2013. Grundlage der Beschlüsse war eine Einschätzung der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa). Fipronil stelle „ein hohes akutes Risiko für Honigbienen“ dar. Von den drei Neonikotinoiden gehe ebenfalls „eine Reihe von Risiken für Bienen“ aus. Für die EU-Kommission war der Fall damit klarr.

Weil die Entscheidung damals zwar Gesetz wurde, aber mündlich versprochen wurde, sie nach zwei Jahren neu zu bewerten, tobt in Brüssel derzeit eine Schlacht zwischen den Interessenvertretern der Industrie und diverser Umweltgruppen. Alle wollen sie die Kommission auf ihre Seite ziehen und das Pestizidverbot wahlweise aufheben oder erweitern.

Der Bayer-Konzern gehört dabei wenig überraschend zu jenen, die ein Ende des Verbots erreichen wollen. Die Leverkusener haben in der Sache sogar schon den Europäischen Gerichtshof angerufen, dessen Urteil im Sommer erwartet wird. Ihr Hauptargument: Die Brüsseler Entscheidung entspräche, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, nicht dem aktuellen Forschungsstand. Noch 201 3 „schien die Einschränkung den allgemeinen Konsens der wissenschaftlichen und öffentlichen Meinung widerzuspiegeln“, heißt es in einem Positionspapier, „aber seitdem sind die Zweifel an vielen Fronten gewachsen“. Mehrere Studien, die in der Varroa-Milbe, Viruserkrankungen und ungünstigen Wetterlagen die Hauptprobleme der Honigbiene sehen, untermauerten nun die These, dass „die EU—Entscheidung voreilig und ohne schlüssige wissenschaftliche Beweise getroffen wurde“. Zitiert werden etwa Oxford-Professoren Angela MacLean und Charles Godfray, die schreiben:

„Die geografische Korrelation zwischen dem Einsatz von Neonikotinoiden und dem Rückgang der Honigbiene ist schwach.“ Oder der Kommissionsbeamte Michael Flüh: „Die jüngste Entscheidung über die Aussetzung bestimmter Anwendungsbereiche von Neonikotinoiden wurde nicht getroffen, weil diese eine wichtige Bedrohung fur die Bienengesundheit darstellen, sondern weil sie der einzige Faktor waren, den die EU-Kommission schnell regulieren konnte.“

Auf die Frage, warum dennoch so viele Experten in den chemischen Stoffen eine Gefahr für die Bienenvölker sahen, hat Bayer ebenfalls eine Antwort parat: Bei den Labortests, die den Untersuchungen zugrunde lägen, würden die Honigsammlerinnen einer viel höheren Wirkstoffkonzentration ausgesetzt als unter realen Bedingungen in der Natur — bei Feldversuchen gäbe es solch „unerwünschte Effekte“ kaum. Kurzum: Wenn die Imker nur konsequent Milben und Viren bekämpften, würden sich die Bienen erholen.

Es gibt aber auch eine andere Sicht auf die Dinge, unterstützt von eher noch mehr Studien. DieHarvardSchoolofPublic Health hat nachgewiesen, dass die Neonikotinoide Clothianidin und Imidacloprid Bienenvölker, gerade in besonders kalten Wintern, anfälliger machen. „Hochwahrscheinlich sind Neonikotinoide dafür verantwortlich, dass der Zusammenbruch von Bienenkolonien ausgelöst wird“, schreibt der Autor Chensheng Lu. Und die Weltnaturschutzunion kommt zum Schluss, dass die Pflanzenschutzmittel nicht nur Bienen und Hummeln, sondern auch Regenwürmer und Vögel gefährden, weil sie so lange im Boden bleiben.

Markant ist die Verbesserung der Lage seit Inkrafttreten des Verbots, für das es nur für Winterweizen und Gewächshäuser Ausnahmen gibt. Die EU-Institutionen haben nach dem Beschluss 2013 eine Studie namens Epilobee in Auftrag gegeben. Danach ist die Todesrate nach dem Winter 2013/2014 — dem ersten, in dem Pflanzenschutzmittel untersagt waren — merklich gesunken. Hatte im Vorjahr, speziell in Nordeuropa, fast jedes dritte Bienenvolk nicht überlebt, so war es nun „nur“ jedes fiinfte. Trotzdem betrachtet die EU-Agentur Efsa die Ergebnisse vorerst noch „mit Vorsicht“. Möglicherweise auch aus Rücksicht auf die Unternehmen, die der Meinung sind, erst die noch nicht vorliegenden Daten des zurückliegenden Winters ließen echte Schlüsse zu — schließlich hätten für den Winter 201 3/2014 noch Übergangsregeln gegolten.

Für Corinna Hölzel sind das Ausreden, wo es doch „eine unendliche lange Liste von Studien gibt, die beweisen, dass die Bienen geschädigt werden“. Selbst wenn es andere Untersuchungen gebe, so die Expertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, müsse angesichts des „Giftcocktails mit noch gänzlich unerforschten Wechselwirkungen“ im Zweifel für die Biene entschieden werden. So fordert es das sogenannte Vorsorgeprinzip der EU.

Hölzels Organisation fordert viel weitreichendere Maßnahmen als bisher: „Bayer muss sämtliche bienengefährdenden Pestizide vom Markt nehmen“, verlangt Hölzel. Der Schutz der Bienen, die zwei Drittel aller Nahrungspflanzen bestäuben, müsse Vorrang vor Profitinteressen haben. Die EU müsse alle Neonikotinoide ohne Einschränkung verbieten.

Bayer kontert ebenfalls mit der Nahrungsproduktion. So sei die Zahl der Bienen nicht rückläufig, so ein Konzernvertreter, die Ernteerträge dagegen wohl — in mehreren Ländern seien wegen massiv befallener Rapskulturen bereits Notfallgenehmigungen für die Pflanzenschutzmittel beantragt worden. All das muss die Kommission bedenken, wenn sie bis Iahh resende die Bienenpolitik überprüft. Der neue zuständige Kommissar Vytenis Andriukaitis hält sich noch bedeckt.