Irgendwie kennt man das schon

Freundliche und sympatische Menschen, die dem leckeren Honig meiner Bienen verfallen sind, haben mir ein kleines Büchlein zugesteckt.

Hans Fallada  « Heute bei uns zu Haus ».

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Auf 30 Seiten wird detailliert beschrieben, wie Hans Fallada zu seinen Bienen gekommen ist; und dabei ertappt man sich, diese Geschichten und die Geschichte der Imkerei mit der eigenen Situation, dem eigenen Werdegang als Imker und dem heutigen Erkenntnisstand zu vergleichen.

Alles hatte seinen Anfang auf dem Hof der Falladas in Mahlendorf, wie er schreibt. Sucht man diesen Ort heute mit zeitgemäßen Mitteln, wird man nach Carwitz geführt, einem kleinen Dorf am oder besser im Carwitzer See inmitten der Feldberger Seenlandschaft.

Die Apfelbäume hatten stark geblüht, die Apfelernte aber war sehr karg. So hat denn der von der ganzen Familie so geliebte Gärtner, Onkel Herbert – er war kein verwandter Onkel – den Vorschlag gemacht, Bienen anzuschaffen.
Das geschah; und es gab kein Zurück.
Die ersten Beuten aus Lehm und Stroh, 1938 zunächst zwei Völker für 60 Mark. 15 kg war der Ertrag des ersten Jahres. Fallada errechnete daraus ein schlechtes Geschäft. Der Honigpreis lag derzeit bei 1,20 Mark pro kg.

Der Gärtnerfreund Onkel Herbert ließ nicht locker. Man erwarb schließlich weitere 10 Völker und viel Material aus dem Nachlass einer Imkerswitwe. Das aber hatte zur Folge, dass ein Bienenhaus gebaut werden mußte. Ein dramatischer Umzug der Bienen in eben dieses Haus folgte unter großen Anstregungen und Schwierigkeiten, denn die damaligen Beuten waren aufgrund ihrer materiellen Zusammensetzung nicht immer formstabil. Doch es geschah. Hilfreiche Imkervereine gab es in dieser Gegend wohl nicht. So bezog man sein Wissen aus der schon damals verfügbaren Bienenzeitung und einem Buch von Maurice Maeterlinck. Die kleinen, liebenswerten Geschichten dazu soll man besser in dem kleinen Büchlein nachlesen.

Onkel Herbert wurde schließlich in den fürchterlichen Krieg gezogen und Hans Fallada übernahm von diesem Zeitpunkt an die Imkerei selber. Viel Hilfloses entwickelte sich fortan, sodass Hans Fallada schließlich Hilfe fand bei einem alten Lehrer/Imker, dem Herrn Schuster, einem Menschen mit  uneigennütziger Hilfsbereitschaft, wie Fallada schreibt. Es folgte die erste Inspektion. Nun muss man das Geschehen mit dem heutigen Stand der Imker vergleichen.

Und das sind also Ihre Beuten ? ….Doch, die sind schon richtig ! Die sind so richtig, dass ich Ihnen die für ein Bienenmuseum abkaufen werde, wenn Sie die Dinger nicht mehr brauchen. Als Muster von Beuten, wie sie nicht sein sollen. – Mein lieber Herr, in solchen Kästen werden Sie nie Erträge haben.
Hier muss der Wolfenbüttler Kuntzsch-Zwilling her.

Und Fallada schreibt: So bin ich durch Herrn Schuster zum Kuntzsch-Imker geworden, Spezies Wolfenbütteler Richtung.

Er räumt ein, dass es der Zufall war, der ihn zu diesem Glaubensbekenntnis hat kommen lassen. Man fühlt sich überlegen, wenn man von Oberladern und Karbollappen hört oder dem Zwergenmaß der Freudensteiner-Beute oder Verehrer des Blätterstocks Vollenda wäre.

Das alles wurde 1942 aufgeschrieben nach vier Jahren Imkerpraxis. Es war ein ehrliches Bekenntnis. Die Diskussion aber die gibt es heute noch, über siebzig Jahre später. Und ich denke, die wird es auch noch in weiteren siebzig Jahren geben.

Geändert hat sich da also im Vergleich zu heutigen Diskussionen nicht viel, außer, dass es viele, viele Rähmchenmaße gibt.

Neben den vielen kleinen Anekdoten über das neue Bienenhaus, die Probleme des Schwarmfangens und Vieles mehr, ist der Schluss dieses Kapitels nicht zu vergessen. Für jeden kleinen Imker, der mit Herzblut diese Tiere beherrscht, gibt es auch heute noch diese unerklärliche Leidenschaft.

Es kann nicht die Freude darüber sein, dass solch starkes Volksgewimmel eine gute Honigernte verspricht, so materiell klopft mein Herz nicht. Und es kann nicht die Herzlichkeit sein, die jeder Mensch für ein hilfloses Wesen hat, das er betreut, sei es nun ein Kind oder ein Tierjunges. Denn die Bienen sind nicht hilflos, nicht in dieser Art lassen sie sich betreuen.

Viel weiter her, aus viel tieferen Gründen des Seins muss dieses Glück kommen. Neigt zu dieser Stunde Gott sein Antlitz über die Wabe Welt, sieht wimmelndes Leben, und lächelt – von ferne ? Ach, es ist ein seltsam seliges Glück, ein bisschen Herrgott zu sein – über einer Bienenwabe!

Lieber Onkel Herbert, der du nun schon ein Jahr in griechischer Erde ruhst, du mein erster, einziger Gärtner – ich danke dir für die Bienen, die Du mir aufgezwungen hast!

Es folgt dann noch auf einer folgenden Seite ….dass wir die so schätzen, das ist nicht allein wegen dem süßen Honig. Da ist noch der erzieherische Wert dieser Tierchen : So wie die Immen sind, sagen wir uns, sollten wir auch sein :arbeitsam, verteidigungsbereit, immer treu der Königin, staatsbürgerlich gesinnt, ordnungsliebend und sparsam, so sehr sparsam.

Wer von uns kleinen Imkern mit nur wenigen Völkern, zum Teil mit vielen, vielen Jahren Erfahung hat nicht auch solche Geschichten, solche Erlebnisse, solche Gedanken mal mit mehr mal mit weniger Erfolg hinter sich gebracht. Es hat sich doch die Imkerei nicht so wesentlich geändert, auch die Gedanken zum Thema nicht. Das lassen die Bienen nicht zu.

Das Vokabular hat sich erweitert. Heute müssen wir uns auseinandersetzen mit Pestiziden, Schmarotzern wie der Varroa, mit der Amerikanischen Faulbrut, mit dem kleinen Beutenkäfer und vielen Hilfsmitteln, die helfen sollen, einige Schäden einzudämmen.

Wir haben heute Rähmchenmaße in Vielzahl. Und manche Imker sehen im eigenen praktizierten System das Maß aller Dinge. Das kann man zur Kenntnis nehmen. Das kann man diskutieren, aber man soll das nicht zum Dogma erklären bzw. werden lassen.

Soweit die Gedanken zur Lektüre.

Spurensuche

Dichtung und Wahrheit liegen nicht immer eng beieinander. Also machen meine Frau und ich uns auf den Weg nach Carwitz. Das ist zwar für die Zeit um 1942 weit. Heute aber mit Geduld, guter Laune und bei einem Wetter, das trotz vieler wunderschöner Wolken der Sonne befielt, unseren Weg zwischen den wunderbaren Feldern dieser prächtigen Landschaft zu erhellen.

Was wir vorfanden, war eine erstaunliche Wiedergeburt der Erzählung von 1942. Die Bäume sind mächtiger geworden, einige sicherlich gestorben, einige nachgepflanzt. Aber sonst waren hinsichtlich der Imkerei alle Dinge an den beschriebenen Platzierungen. Der Kuntzsch-Zwilling, der war nicht mehr vorhanden. Ein farbiges Brettmosaik dient zur Zeit als Platzhalter für den nicht als Imker ausgebildeten Besucher. Eine kleine Rüstung lehnt unnötig an der Fensterseite und deutet lediglich auf den Versuch endgültiger Wiederherstellung hin. Das kommt wohl noch. Das Bienenhaus des Herrn Hans Fallada aber ist von ungewöhnlicher Qualität, passend zur sonst üblichen ländlichen Bebauung als kleines Fachwerkhaus gebaut.

Es ist zu klein für die Bienenvölker – 16 sollen es gewesen sein -. Es ist zu klein für die erforderlichen Nebenarbeiten. Aber es ist ja auch das Erstlingswerk einer illustren Laienspielschar. Doch es ist ein Kleinod, ein Blickfang. Es liegt gut im Anwesen zwischen den Obstbäumen unweit des Sees, in den der brave Helfer nach den vielen Bienenstichen gesprungen ist. Es hat Spaß gemacht, dies Häuschen zu umrunden, es wiederzufinden, auch wenn die kleine Rüstung bei der Motivsuche stört.

Es war ein schöner Tag an einem Ort, an dem die Zeit stehen geblieben schien. Aber es ist ja auch nur rund siebzig Jahre her. Es war nicht Mahlendorf sondern Carwitz. Es war auch nicht Onkel Herbert. Es war der Gärtner Hubert Räder. Aber das macht nichts. Gefunden haben wir dennoch alles ; und erkannt haben wir, dass sich an der Imkerei tatsächlich nicht so viel geändert hat.

In Carwitz wird von der Hans-Fallada-Gesellschaft e.V. auf dem ehemaligen Anwesen ein kleines Museum betrieben. Auch das Bienenhaus ist wieder hergestellt.

Wer Lust hat und neugierig geblieben ist, sollte zwischen Dienstag und Sonntag von April bis Oktober zwischen 10 und 17 Uhr eine Fahrt nach Carwitz, Zum Bohnenwerder 2, 17258 Feldberger Seenlandschaft unternehmen.

Und dann ist da noch etwas

Nun galt es noch, Maurice Maeterlinck zu hinterfragen, den Mann, von dem Hans Fallada so viel über die Bienen erfahren haben will. Das Wissen des Maurice Maeterlinck, das er anfangs gerne später nicht so gerne weitergegeben hat, galt es, etwas genauer zu hinterleuchten. Mag sein, es ist von großer Wichtigkeit für die Entwicklung der heutigen Imkerschaft.

Nein, von dieser beschriebenen und vermuteten Wichtigkeit war es nicht.

Das kleine Buch « Das Leben der Bienen » erschien 1901. Es war nicht, wie vermutet, ein Fachbuch über die Bienen und die Imkerei. Es war eine Sammlung von Kurzgeschichten. Maurice Maeterlinck war Schriftsteller, Philosoph. Ihn interessierte die Natur. Er experimentierte in der Botanik und wurde Bienenzüchter bereits in jungen Jahren. Im Wesentlichen aber war er Belgischer Dramatiker und Lyriker. So erhielt er 1911 den Nobelpreis für Literatur.

Das also sollte die Basis für den Imker Hans Fallada werden ?! Mit den Techniken des Imkerns hatte es nichts gemein. Aber die Beschreibungen über die Eigenheiten, das immer noch nicht ganz entschlüsselte Geheimnis des Bienenlebens waren von großem Wert. Es wurde ein literarisches Kunststück, eine Sammulung wissenschaftlicher Ergebnisse, so Ute Mings vom Bayerischen Rundfunk. Es wurde eine philosophische Bienenkunde, sagt Hartmit Ebert vom Imkerforum.

So hat denn Fallada vor allem die Philosophie des Maurice Maeterlinck mitgenommen :

« Kein lebendes Wesen, selbst der Mensch nicht, hat in seiner Spähre erreicht, was die Biene in der ihren verwirklicht hat, und wenn ein Geist aus seiner anderen Welt auf die Erde herabstiege und die vollkommenste Schöpfung der Logik des Lebens zu sehen begehrte, so müsste man ihm die schlichte Honigwabe zeigen. »

Für den Imker, dem es nicht um die Honigernte geht, der die ständig neue Herausforderung sucht, der es meistern will, alle seine Bienen immer und immer wieder durch den Winter zu bringen, der es immer gut meint mit den ihm anvertrauten Bienen, der sollte sich auch diese Lektüre leisten.

Maeterlinck wurde 1862 geboren. Mit der Imkerei muss er bereits um 1885 begonnen haben. 1949 ist Maurice Maeterlinck 87jährig gestorben.

Reinhardt Löwe
20.06.2014