Klimaretter

Schülerinnen und Schüler des Droste-Hülshoff-Gymnasiums haben sich diesen Titel auf ihre Fahne geschrieben.

Für eine Workshop-Veranstaltung am 15. Juni 2018 wurden die unterschiedlichsten Verbände angeschrieben und um eine Beteiligung gebeten. Auch der Imkerverein Berlin-Zehlendorf und Umgebung e.V. stand auf dieser Wunschliste. Selten sagen wir Imker nein, wenn es um Öffentlichkeitsarbeit und die Aufmerksamkeit für das Thema Bienen geht. Doch Bienen und Klima, wo kann es da Verknüpfungen geben. Seit 60 Mio Jahren gibt es Bienen auf diesem Erdball. Und was hat es in dieser Zeit für Klimaveränderungen gegeben! Die Bienen haben sich stets angepasst oder haben sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Das heißt, der Klimawandel, der uns allen doch viel Sorgen bereitet, scheint für die Bienen kein Thema zu sein. Und dennoch beschäftigen wir uns mit diesem Phänomen seit vielen Jahren nur eben im Rahmen einer anderen Fragestellung oder Thematisierung. Seit 1987 sammelt und veröffentlicht Günter Kißmann phänologische Daten in Berlin und veröffentlicht sie für den Berliner Imkerverband. Leider hat er das aus Altersgründen vor etwas mehr als einem Jahr eingestellt. Doch es wurden nicht nur Daten bestimmter Pflanzenkategorien zusammengetragen, sondern sie wurden in einen Zusammenhang gebracht mit den korrespondierenden Klimadaten und dem Verhalten der Honigbienen – hier in erster Linie der Nektareintrag. Und da ist er, der Zusammenhang zwischen Biene und Klima. Durch die periodischen Beobachtungen ausgewählter Pflanzen und deren Blühzeitpunkt unter Einbeziehung von Klimadaten lässt sich der Einfluss auf den Nektareintrag der Honigbienen ablesen. In erster Linie ist es aber die Phänologie, die hier die klimarelevanten Aussagen treffen kann (Abb. 1). Wenn man dann weiterhin die gesammelten Daten des Günter Kißmann und seiner Zulieferer über die letzten immerhin 30 Jahre vergleicht, kann man doch auch eine zunehmende Erwärmung des Berliner Stadtklimas auch unter Berücksichtigung der Unterschiede in den Jahren ablesen.

So haben wir die Aufgabe übernommen, einen Workshop unter diesem Gesichtspunkt zu leiten. Dabei haben wir uns aber verstärkt im Hinblick auf das städtische Mikroklima durch den BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V.) . Historische Bauten eingebettet im Grün – ein Beitrag für die Klimarettung. Namhafte Architekten wie Muthesius, Taut, Luckhardt, Pölzig u.a. haben sich schon vor über hundert Jahren nicht nur Gedanken über eine zeitgemäße bauliche Hülle sondern auch über das Gesamtensemble mit entsprechendem Stadtgrün wie auch der häufig begrünten Fassaden gemacht (Abb. 2, Villa Max Liebermann Berlin-Wannsee 1912, Architekt Otto Baumgarten, Landschaft/Garten Alfred Brodersen). Aber auch heute tätige Planer suchen mehr und mehr den Schulterschluss mit den Naturverbänden oder aber den Planern für die Außenanlagen.

Dr. Evelyn Kersten vom BUND, Abt. Südwest und Reinhardt Löwe vom Imkerverein Berlin-Zehlendorf und Umgebung e.V. haben zum oben beschriebenen Themenkreis insgesamt 4 Stunden referiert.

Dabei wurde uns in die Hände gespielt, dass die historische, als Naturdenkmal ausgewiesene Kohlhaseiche in Berlin Kohlhasenbrück am 12.März 2018 gefällt wurde. Sie wurde 145 Jahre alt. An ihr sollte man die Klimaveränderung feststellen können. Glücklicherweise wurden die Stammteile im nahe gelegenen Forst (Abb. 3) zwischengelagert, sodass mit Einverständnis der Försterei noch eine Scheibe des Baumes abgeschnitten werden konnte. Da diese Scheibe in einer effektiven Höhe von ca. 3,50 m zu finden war, kann man hier nur die Jahresringe von ca. 100 Jahren ermitteln und den Einfluss der klimatischen Veränderung versuchen zu deuten (Abb. 4, 5).

Ein weiterer Glückfall war der Hinweis von Günter Kißmann auf die Berliner Klimafibel (Abb.6). Hierin finden wir eine akribische Zahlenschau aller Wetterdaten für Berlin seit Beginn der Aufzeichnung im Jahr 1907. Die Berliner Wetterkarte e.V. ist nunmehr ansässig im kleinen Berliner Klimazentrum im Wasserturm auf dem Fichteberg in Berlin-Steglitz. Viele Graphiken sind in dieser Fibel zu finden, sodass man über die letzten 100 Jahre bis 2007 eine gute Übersicht über die Klimaveränderung finden kann (Abb. 7, aus der „Berliner Klimafibel“, 2. Auflage 2016, Autoren Berliner Wetterkarte e.V.). Das alles sieht auf den ersten Blick nicht spektakulär aus. Doch nach Aussage vom Wetterexperten Sven Plöger sind schon Abweichungen von wenigen Grad Celsius häufig mit dramatischen Wetterentgleisungen verbunden.

Hier wäre es nun dringend an der Zeit, die Zusammenhänge zwischen den phänologischen und den dokumentierten meteorologischen Daten aufzuzeigen. Im bescheidenen Rahmen wird das seit 30 Jahren vom Obmann für die Beobachtung dieser Phänomene Günter Kißmann gemacht. Obleute der Berliner Imkervereine melden zum Thema die Daten des Blühzeitpunktes und der Gewichtsveränderung im Bienenstock. Die Wetterdaten werden von den Aufzeichnungen des Deutschen Wetterdienstes in Berlin übernommen. Dies Meldeschema gehorcht einer für Europa vorgegebenen Pflanzenauswahl (Abb. 8). Mit den zusätzlich ermittelten Waagstockergebnissen lassen sich nun Rückschlüsse ableiten auf die Effektivität einzelner Pflanzen im Hinblick auf den Nektareintrag. So kann man ablesen, dass es in dieser Stadt mit einem unglaublichen Artenreichtum an Pflanzen und Gehölzen drei Hauptmassentrachten für die Honigbiene gibt( Abb. 9). Ahorn, Robinie, Linde sind die ausgemachten Blüten, die für die Insekten hier insbesondere die Honigbiene von größtem Wert sind.

Will man nun eine Rekultivierung in landwirtschaftlich genutzten Regionen anstreben, sind das die ersten Gehölze, die dem Imker als Hüter der Honigbiene und den vielen anderen Insekten als besondere Futterquelle und Energiespender zur Verfügung stehen müssen. Doch auch die trachtarme Zeit ist jeweils zu überbrücken. Daher werden von Reinhardt Löwe aus purer Neugier 100 Pflanzen im engsten Umfeld hinsichtlich des Blühzeitpunktes seit 2015 dokumentiert (Abb. 10). Es wäre ein erster Ansatz für die Neuanlage von Hecken, Parks, Randstreifen und Brachen, hier die Artenvielfalt (die Biodiversität von Fauna und Flora) wieder anzusiedeln und zu sichern. Es wäre eine dringend benötigte Alternative zur industriellen Landwirtschaft mit den Windparks und den möglichst blütenfreien Futtergrünflächen (Abb. 11).

Doch vergessen wir nicht die ganz entscheidenden Nebeneffekte. Muthesius und andere haben zwar nicht die Parks und Gärten wegen der klimatischen Beeinflussung angelegt, doch sie haben erheblich zur Verbesserung eines städtischen Mikroklimas beigetragen. Windbrechung, Bindung von Feinstäuben, Wasserregulierung in der Luft und im Boden sind heute mehr als damals von unschätzbarem Wert. Und so wird ständig um die Erhaltung von Grünflächen gekämpft. BUND und NABU sind bemüht, sich gegen Profiteure und Politiker zur Wehr zu setzen. Jede Entscheidung infrastruktureller oder baulicher Art darf nie auf Kosten der Lebensqualität der biodiversen Fauna und Flora getroffen werden. Dazu zählen eben auch die Menschen, die sich in diesem Umfeld bewegen. Gibt es auch nur das geringste Gesundheitsrisiko, gibt es verträglichere Alternativen, dann sind die schnellen Entscheidungen zu versagen und neu zu überdenken. Kein Baum, kein Strauch darf schnell und unbedacht abgeschnitten und entsorgt werden.

Aber auch im privaten Sektor kann viel für die Verbesserung des städtischen Mikroklimas getan werden. Flachdächer und Steildächer bis 45° können mit geringen Mitteln begrünt werden (Abb. 12, 13). Extensive Grünflächen sind dabei zu bevorzugen, weil sie außer einer Inspektion zur Brutzeit der Vögel (Kleine Moosflächen werden gerne als zus. Nestpolsterung genutzt.) keine besondere Pflege brauchen. Sedum sind Pflanzen in vielfältiger Ausprägung und sehr unterschiedlichem Blühzeitpunkt, es sind Sukkulenten, die lange Trockenzeiten überstehen. Diese Flächen absorbieren Stäube aller Art, sorgen für ein klimatisches Regulativ durch zus. Wärmedurchlasswiderstand und die Wasseraufnahme und –abgabe. Diese Flächen sind zudem bunt und damit Anlass, dass den Menschen eher ein Lächeln zu entlocken ist, als mit dem trockenen technischen Firlefanz, den man häufig nicht benötigt. Praktikabilität und Plausibilität sind im Rahmen von Entscheidungsfindungen häufig abhandengekommen. Vor allem die jungen Menschen können, nein, müssen lernen, das wiederzuentdecken.
Das Klima wird man nicht kurzfristig verbessern können, retten wahrscheinlich auch nicht. Doch einer Verschlechterung hinsichtlich der derzeitigen Entwicklung sollten wir uns alle gemeinsam entgegenstemmen.

Reinhardt Löwe


Abb. 1


Villa Max Liebermann Berlin-Wannsee 1912, Architekt Otto Baumgarten, Landschaft/Garten Alfred Brodersen
Abb. 2


Abb. 3


Abb. 4


Abb. 5


Abb. 6


Aus der „Berliner Klimafibel, 2.Auflg. 2016 , Autoren Berliner Wetterkarte e.V.
Abb. 7


Abb. 8


Abb. 9


Abb. 10


Abb. 11


Abb. 12


Abb. 13