Umstrittenes Herbizid verbreiteter als angenommen

FAKT | Das Erste | 14.08.2012 | 21:45 Uhr

Umstrittenes Herbizid verbreiteter als angenommen | Manuskript
Studie: Glyphosat tötet gesundheitsfördernde Bakterien ab

Das Pflanzengift Glyphosat gelangt offenbar umfassender in die Nahrungskette und damit in den Körper von Mensch und Tier als bislang bekannt. Das haben Untersuchungen des Instituts für Bakteriologie und Mykologie an der Universität Leipzig ergeben. Die Tierärzte um Professor Monika Krüger fanden bei Rindern in ganz Deutschland Glyphosat im Urin. Später wurde das Herbizid bei Landwirten nachgewiesen und jetzt auch bei Menschen, die nichts mit Landwirtschaft zu tun haben. Die Leipziger Tierärzte stellten auch bei sich selbst Glyphosat im Körper fest, wenn auch in geringeren Konzentrationen als bei den Rindern.


Ein Traktor versprüht Pestizide auf einem Feld.

Glyphosat ist ein Stoff, der in vielen Unkrautvernichtungsmitteln enthalten ist. Es ist das weltweit am häufigsten eingesetzte Pflanzengift. Tausende Tonnen davon werden allein auf Feldern in Deutschland versprüht. Die neuen Untersuchungen lassen die Leipziger Forscher vermuten, dass Glyphosat auch mit dem rätselhaften chronischen Botulismus zu tun haben könnte, einer Vergiftung, die schon Tausende Rinder verenden ließ und möglicherweise auch Menschen gefährdet. Denn der Studie zufolge tötet Glyphosat gesundheitsförderne Bakterien wie Lactobazillen und Bifidobakterien ab und bringt so das Gleichgewicht im Magen-Darm-Trakt durcheinander. Die Wissenschaftler stellen die These auf, dass die Vergiftung mit Glyphosat auch krank machenden Keimen wie dem gefährlichen Botulismuserreger den Weg ebnen kann. Das sind Bakterien, die normalerweise Menschen mit gesunder Magen-Darm-Flora nichts anhaben können. Bei Rindern wird der gefährliche Botulismuskeim von vielen Wissenschaftlern für verheerende Folgen verantwortlich gemacht.

Bundesinstitut sieht keine Gefahren
Das Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin ist zuständig für Gesundheitsrisiken, die durch Pestizidrückstände in Futter- und Lebensmitteln entstehen können. Auf FAKT-Nachfrage teilte es mit, dass negative Auswirkungen von Glyphosat auf Bakterien nicht bekannt seien. Das Bundesamt erklärte zudem, es sei erwartbar, dass das Herbizid auch in Menschen nachgewiesen werde. Wenn die gesetzlich festgelegten Höchstgehalte in Lebensmitteln nicht überschritten werden, sei das Auftreten solcher Rückstände möglich, gleichwohl aber gesundheitlich unbedenklich.

Hersteller: Glyphosat ist sicher
Der US-Konzern Monsanto, der Glyphosat einst auf den Markt brachte, weist sämtliche gesundheitlichen Bedenken zurück. In einer schriftlichen Erklärung heißt es, Glyphosat sei umfassend untersucht und als sicher eingestuft worden. Die Chemikalie sei für Pflanzen tödlich, weil sie einen Stoffwechselweg unterbreche, den Mensch und Tier nicht hätten. Deshalb sei eine Gefährdung von Mensch und Tier unwahrscheinlich.

Nächste Risiko-Überprüfung in drei Jahren
Der Wirkstoff Glyphosat sollte eigentlich in diesem Jahr auf EU-Ebene routinemäßig auf Risiken überprüft werden. Die EU-Kommission stimmte aber zu, diese Überprüfung auf 2015 zu verschieben.

Glyphosat
Glyphosat ist Hauptbestandteil vieler Unkrautvernichtungsmittel und wird seit über 30 Jahren weltweit angewendet. Es wirkt gegen jede Pflanze, es sei denn sie wurde gentechnisch mit einer Glyphosat-Resistenz ausgestattet. Lange Zeit galt der Wirkstoff als unschädlich für Mensch und Tier, wenig mobil, biologisch abbaubar und damit als umweltfreundlich. Das wird inzwischen von verschiedenen Studien angezweifelt. Sie geben Hinweise darauf, dass die chemische Substanz erbgutschädigend sein könnte.