Insektenblütler statt Windblütler

mit einem Leserbrief von Reinhardt Löwe

Der Deutsche Allergie- und Asthmabund gibt Tipps zur Gartengestaltung

Der Klimawandel hat Einfluss auf Allergien in Deutschland. Der Start des Pollenfluges ist abhängig von den Temperaturen und der Feuchtigkeit. Das Klima verlängert die Pollensaison in Deutschland und die Pollenmenge nimmt bei den meisten Arten zu“, sagt Carsten Schmidt-Weber, Direktor des Zentrums für Allergie und Umwelt der Technischen Universität München. Nach seinen Worten nehmen auch die Allergene pro Pollen zu, es gebe zudem mehr Atemwegserkrankungen.

Das merkt auch der Deutsche Allergieund Asthmabund (DAAB). Die Anfragen wegen Pollenallergien werden bei uns von Jahr zu fahr mehr. Dabei spielt auch zunehmend die Frage eine Rolle, wie man als Allergiker seinen eigenen Garten umgestalten kann, um Probleme zu vermeiden“, sagt Sonja Lämmel, Di-

Korbweiden raus und Stauden
rein das hat sich bewährt

plom-Oecotrophologin beim DAAB, In Deutschland werden die meisten Pollenallergien durch Frühblüher (Hasel, Erle, Birke), Gräser (auch Roggen) und Kräuter wie Beifuß ausgelöst. Grundsätzlich gebe es nicht den einen allergiefreien Garten, da theoretisch jede Pflanze eine Allergie oder Überempfindlichkeit auslösen könne. Dennoch bestünden viele Möglichkeiten, das Risiko zu minimieren.

So empfiehlt Lämmel, windbestäubte durch insektenbestäubte Pflanzen zu ersetzen. Windblütler wie Gräser und Beifuß produzieren große Mengen an Pollen, die durch den Wind auf andere Blüten übertragen werden. Auch sämtliche Nadelgehölze wie Lebensbaum, Eibe, Wacholder, Zypresse, Zeder, Douglasie, Lärche, Kiefer, Tanne und Fichte gehören zu
den Windblütlern – bislang sind sie allerdings nicht häufige Allergieauslöser. Durch das veränderte Klima nehmen nicht-heimische Pflanzen wie Ambrosia und der Olivenbaum zu, die ein hohes allergisches Potenzial haben.

Im Gegensatz zu den Windblütlern wird der Pollen bei Insektenblütlern wie Ahorn, Rosensträucher, Hortensien sowie Obstbäume und -sträucher durch Insekten zu den weiblichen Blüten gebracht, ihre Pollen kommen nur in geringer Menge in der Außenluft vor. Gräser- und andere Pollen von Windblütlern können natürlich auch von Nachbargrundstücken herüberwehen, doch durch den Verzicht auf Windblütler oder auch schon durch die Verringerung im eigenen Garten kann man die Konzentration senken, was viel ausmacht“, sagt Lämmel. Spitzwegerich, Korbweiden und Olivenbäumchen raus, Kletterpflanzen wie Clematis oder Stauden wie Buschmalve rein – dies habe sich vielfach bewährt. Letztlich reichen häufig schon kleine, nicht teure Änderungen aus, um eine deutliche Verbesserung zu erzielen – worüber sich zudem auch noch viele Insekten freuen“, betont Lämmel

Ein weiterer Tipp von ihr ist der grüne Pollenfilter: Durch das Anlegen von Hindernissen wie Hecken, Sträucher und Bäume, die sich durch dichten Bewuchs auszeichnen, können Pollen aufgefangen und so die Pollenbelastung verringert werden. Von vermeintlich allergiefreundlichen Steingärten rät sie aus diesem Grunde ab: Eine Kieswüste ist kein Hindernis. Einen Steingarten sauberzuhalten ist ein Riesenaufwand.“ Parallel zu diesen Bemühungen sei auch eine Immuntherapie sinnvoll – nur gebe es keine Garantie auf Erfolg und bei Exoten wie zum Beispiel dem Olivenbaum auch noch keinen Extrakt für diese Therapie.

Der DAAB gibt zudem weitere ganz praktische Tipps. Dazu gehören durchgehende Bekleidung und Handschuhe während der Gartenarbeit bei Kontaktallergien, wenn die Berührung einer Pflanze zu einer Reizung führt. Dazu gehören immer geschlossene Komposter und Biotonnen gegen Schimmelpilzallergien. Dazu gehört wenig Düngung des Rasens, den man nicht zu hoch wachsen lassen sollte. Und dazu gehört die Beachtung des Wetters – die Gartenarbeit kann nach langen Regenschauern angenehmer sein, da die Pollen aus der Luft gewaschen werden. Demgegenüber kann bei Sturm und leicht regnerischem Wetter die Pollenbelastung besonders stark sein. Der DAAB empfiehlt ein Gartentagebuch, in dem Beschwerden in der Pollenflugzeit, bei bestimmten Wetterlagen und Hautreaktionen eingetragen werden können.

Nach aktuellen Studien haben in Deutschland mehr als drei Millionen Erwachsene eine Asthmaerkrankung. Die Zahl der von Heuschnupfen betroffenen Erwachsenen liegt bei über zwölf Millionen. Mehr als eine Million Kinder und Jugendliche leiden an Heuschnupfen, etwa eine halbe Million an Asthma. Das Risiko, dass sich der Heuschnupfen zum Asthma entwickelt, ist nmso größer, je jünger Kinder an Heuschnupfen erkranken. In Deutschland nimmt der Anteil der Kinder und Jugendlichen zu, die gegen mindestens ein von acht häufigen Inhalationsallergenen (Lieschgras, Roggen, Birke, Beifuß, Katze, Hund, Hausstaubmilbe und der Schimmelpilz Cladosporium herbarum) sensibilisiert sind – bei den Jugendlichen ist fast jeder zweite betroffen. Die Sensibilisierung ist das Vorstadium für das Auftreten von Symptomen wie Asthma und Heuschnupfen, ohne dass diese Erkrankung auftreten

Es gibt Alternativen zur
pflegeaufwändigen Kieswüste

muss. Eher selten leiden Kinder an Allergien, die auf einem traditionellen Bauernhof aufwachsen. In Elternhäusern in Großstädten sind Allergien dagegen besonders häufig verbreitet.

Ludger Klimek, Präsident des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen, lenkt den Blick auf Menschen im Rentenalter: Früher ist man davon ausgegangen, dass Allergien im Alter abnehmen – das kann man heute nicht mehr sagen.“ Bei den über 6 5 -jährigen habe sich in den vergangenen 20 Jahren der Anteil der an Allergien Erkrankten mehr als verdoppelt. Sie seien vor allem von Heuschnupfen betroffen. Die Erforschung von Allergien in dieser Altersgruppe ist bislang absolut unzureichend“, kritisiert Klimek, Leiter des Zentrums für Rhinologie und Allergologie in Wiesbaden.
JOACHIM GÖRES

Näheres unter www.allergien-im-garten-de und www.neobiota.de. Der DAAB hat das 36 Seiten umfassende Heft Allergien im Garten.?“ herausgegeben, das beim Verband (info@daab.de, Tel. 02166-6478820) kostenlos bestellt werden kann. Blumen, bei denen Insekten die Pollen von Blüte zu Blüte transportieren, sind eher selten Allergieauslöser.

Stellungnahme zum Artikel „Insektenblütler statt Windblütler“ im Tagesspiegel v. 11.01.20

Von einigen Kollegen beim BUND Berlin-Südwest und den Imkervereinen wurde mir abgeraten, zu diesem Artikel Stellung zu nehmen, weil er doch unseriös und eher eine Empfehlung für die Pharmaindustrie ist.

Ich sehe das ein wenig anders. Er verrät lediglich eine schlechte Recherche.

Es ist richtig und plausibel, dass die vom Wind bestäubten Pflanzen größeren Einfluss haben auf die Anfälligkeiten der Allergiker. Deshalb aber kann man sie nicht aus der Natur und unseren Gärten verdammen. Sie gehören zum Ökosystem insgesamt. Ohne den Pollen der Weiden (nicht nur Korbweiden), der Haselnuss in jeder Ausprägung und so weiter würden viele Insekten das Frühjahr nicht überleben. Die Bienen z.B. brauchen den Pollen als Futter für die Aufzucht der Brut in den Monaten Februar und März. Da ist eben der Anteil der windbestäubenden Pflanzen groß. Krokus, Winterling und Co könnten das nicht leisten.

Dass Allergiker und Asthmatiker lieber weitgehend pflanzenlos leben würden, ist zum einen verständlich. Auf der anderen Seite wird vermeldet, dass es eben diese Ereignisse nicht in dem Maße in landwirtschaftlichen Regionen gibt. Diese Beobachtung gilt nicht nur seit dem großzügigen Spritzen mit Glyphosat, das kaum noch eine Blüte zulässt. Es war eben schon immer so. Ein funktionstüchtiges menschliches Abwehr- und Immunsystem funktioniert am besten im Einklang zwischen der regionalen Ernährung und dem Leben in und mit der Umwelt. Ist das gestört, sollten alternative Behandlungen wie z.B. mit der Einnahme von regionalen Pollen oder Honig geprüft werden. Auch im Honig sind eben diese Pollenbestandteile enthalten.

Wir werden den Einzug auch der invasiven Pflanzen und Neophyten nicht aufhalten können. Auch daran werden unsere Insekten naschen, wenn sie es nicht schon tun. Und die Insekten sind es, die weitestgehend unsere Lebensgrundlage und damit unseren Ernteerfolg sichern.

Empfehlungen für Hecken um Gärten von Allergikern können nicht schaden. Es sind die Habitate für Vögel, manche Insekten und viel Kleingetier. Den Pollen aber von Birken, Lebensbäumen, Erlen, Hasel, Weiden etc. halten sie aber nicht auf.

Und wenn heute 12 Mio Erwachsene Heuschnupfen haben, sollten die Ursachen nicht nur in der Natur sondern vor allem im täglichen Verhalten im Aufenthalt gesucht werden. Diese 12 Mio. Erwachsenen werden sich mehrheitlich in klimatisierten, beheizten, geschlossenen Bereichen aufhalten und weniger die natürliche Umgebung suchen.

Für ein gesundes Umfeld auch im Hinblick auf den Erhalt der Biodiversität der Artenvielfalt sollten wir bei der Gartenplanung für alle Tierarten eine angepasste Bepflanzung anstreben. Und dazu zählt die Artenvielfalt der Stauden, der Einjährigen und Gehölze mit der Blütengarantie übers ganze Jahr vor allem für die kleinen Tiere.

Reinhardt Löwe
Mitglied im BUND Berlin-Südwest
Mitglied im Imkerverein Berlin-Zehlendorf und Umgebung e.V.
Mitglied im Imkerverein Berlin-Lichterfelde

Dieser Beitrag wurde unter Imkerpraxis, Interessantes anderswo, news, Tages- und Wochenpresse veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.